Nordpol 2007 - JÄHER STOPP
Die Expedition hatte einen surrealistischen Start: Wir landeten auf Ward Hunt Island zusammen mit Rosie Stancer, die solo und supported zum Nordpol gehen wollte. Damit wir es nicht riskierten zu dicht hintereinander zu gehen, gaben wir Rosie einen Tag Vorsprang. Wir übernachteten auf Ward Hunt Island und starteten am nächsten Tag. Wir verbrachten die Nacht in einer der Hütten und dies war ein kaltes Vergnügen. Sommerhütten ohne Wärme bei minus 60 ∞C sind nicht zu empfehlen.
Am Tag danach waren wir abmarschbereit, als Twin Otteren von Borek Air mit Richard Weber und zwei seiner Klienten kam, Ian und Adrian, die mit Versorgung zum Nordpol wollten. Sehen Sie Adrian Hayes Website hier.
Twin Otteren verfehlte die Rollbahn, die am Tag vorher markiert worden war, und traf einen großen Hügel mit Eis und Stein, dann eine große Schneewehe aus Blaueis, verlor die Kontrolle und kam direkt auf uns zu. Zum Glück hatten wird die Schlitten noch nicht umgespannt. Nach einigen Sekunden verstanden wir, dass das Flugzeug außer Kontrolle war. Wir liefen so schnell wir konnten und das letzte, was ich im Augenwinkel sah, bevor ich mich hinschmiss, war der Flugzeugflügel...
Richard Weber hatte in seinen 20 Jahren in der Branche noch nie eine so wilde und harte Landung erlebt. Zum Glück hatte er ein paar Ski und Bindungen in einer der Hütten und half mir, eine Bindung an dem einem Schneereifen zu machen, der vom Flugzeug zerstört wurde.
Das Flugzeug wurde nach dieser Landung übrigens zur Reparation geschickt.
Richards Gruppe startete. Sie sollten nach 3 Wochen neue Verpflegung bekommen und gingen mit einem kleinen Schlitten und Rucksack. Wir hatten zwei Schlitten und zogen jeder 130 kg. Mit viel und trägem Schnee auf dem Gletscher bis zum See mussten wir eine Strecke lang mit nur einem Schlitten gehen, um den anderen danach zu holen. Roald Amundsen sagte, in der Antarktis Ski zu laufen, ist wie auf Kleister zu gehen. Bei minus 60 ∞C ist es nicht leicht zu gleiten und in Kanada sagt man zum Ziehen eines Schlittens unter solchen Umständen, es sei wie „a dead horse” zu ziehen. Wir empfanden es so, als jemand hinter den Schlitten stand und sie festhielt. Kurz gesagt: träger Unterlag.
Deswegen entschieden wir uns dafür, am Anfang mit Schneereifen zu gehen, um einen besseren Halt zu bekommen. Die kaputte Bindung, die ich mit einer altmodischen Kinderbindung erstattete (siehe Bild), war zu groß und ich musste die Bindung mit einem Riemen über dem Gewinde feststrammen. Für einige Tage funktionierte es recht gut.
Aber Freitagmorgen am 9. März erwachte ich mit 3 blauen Zehen am linken Fuß! Ich hatte mich am Abend vorher mit 10 warmen, trockenen Zehen hingelegt und es war ein Schock diese blauen Zehen zu sehen, ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich im Laufe der Nacht fror.
Bei minus 60 ∞C sind es nur kleine Differenzen. Wahrscheinlich führte der Riemen dazu, dass einige der Blutadern eingeklemmt wurden. Nun, wir benutzten den Spirituskocher und wärmten die Zehen auf. Mit zweien ging es gut, aber es war schwer, den großen Zeh zum Leben zum erwachen.
Wir riefen auch unseren Expeditionsarzt an, um uns zu versichern, dass wir das Richtige tun: langsam auftauen, den Fuß warm halten und Aspirin nehmen, um das Blut zu verdünnen. Er bestätigte und sagte außerdem, dass wir, wenn vorhanden, Alkohol zu uns nehmen sollten um das Blut zu verdünnen. Ann nahm unsere Flasche Scotch heraus, mit der wir jeden Breitengrad feiern wollten: die Flasche war bis auf den Grund gefroren!
Obwohl ich tief in mir wusste, dass sich der Schaden verschlimmern würde, wenn ich weiterginge, und dass ich niemals die ganze Strecke schaffen würde, verleugneten Ann und ich das. Wir entschieden uns fortzusetzen, ein Tagesmarsch würde den Schaden vielleicht reparieren...
Dies geschah jedoch nicht. Es wurde schlimmer und nun hatte ich auch Blasen am großen Zeh. Wir befanden uns im Packeis und wussten, dass es nicht möglich war, zu einem späteren Zeitpunkt rausgeholt zu werden.
Gesundheit und Lebensqualität sind wichtig für mich. Wenn ich weitergegangen wäre, wäre auf jeden Fall mein Zehenglied zerstört worden und ich hätte die Balance in meinem linken Bein verloren. Wenn ich umdrehen würde, hätte ich eine Chance meine Zehen zu retten.
Es ist wohl nicht nötig zu sagen, dass Ann und ich eine schwere Zeit hatten. Ann war eine super Hilfe als ich die Entscheidung traf und auch in der Zeit danach.
Sie können die Pressemeldung, die Ann und ich rausgeschickt haben, hier lesen.
Wir gingen zurück zu Ward Hunt Island, wo wir Monatags, dem 12. März abgeholt wurden. Gegen Mitternacht am 13. März landeten wir in St. Paul/Minneapolis.
Am Tag danach besuchten wir „unseren Expeditionsarzt“, Jeff Ho vom HCMH (Hennepin County Medical Center). Er bestätigte uns, dass es richtig gewesen sein, abzubrechen. Die Erfrierung war ernst, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt schwer zu sagen war, wie ernst.
Am 17. März flog ich heim nach Norwegen und ging zur Kontrolle des Frostschadens ins Aker Krankenhaus. Ich werde einen Teil des Zehs verlieren. Der Körper repariert den Schaden am besten selbst. Das kann 2-3 Monate dauern...
Sehen Sie auch unsere Website
www.BancroftArnesen.comMehrere Bilder der Expedition, sehen sie im Album unten auf dieser Seite.
Dies war der Expeditionsplan für 2007:Begleiten Sie Liv Arnesen und Ann Bancroft bei einem neuen Versuch, das Polmeer zu überqueren. Beim Versuch 2005 wurden die beiden aufgrund innerer russischer Konflikte dazu gezwungen aufzugeben, nach zwei Jahren mit Vorbereitungen. Nach 20 Tagen am Polmeer, wurden Liv, Ann und zwei andere Expeditionen dazu gezwungen, dass Polmeer zu verlassen.
Um nicht noch ein Mal in diese Situation zu kommen, entschieden sich die beiden dazu, diesmal von Kanada aus zu starten. Sie gehen auf Skiern, klettern über Packeis und schwimmen über Wuhnen um den Nordpol zu erreichen. Von hier aus gehen sie weiter zu TARA, ein Schiff, das sich im September 2006 in das Karameer einfrieren ließ, um von dort aus zum Nordpol zu treiben und weiter aus dem Polmeer raus, nach Spitzbergen. Das gleiche machte das Polarschiff FRAM vor mehr als hundert Jahren. FRAM trieb zu weit südlich, weil sie zu früh vom Eis gefangen wurden. Als Fridjof Nansen begriff, dass FRAM nie über den Nordpol treiben würde, starteten er und Hjalmar Johansen auf Skiern. Die beiden machten den „längst nördlich“ Rekord mit 86 Grad 14 Minuten Nord.
Die Forscher, die mit TARA arbeiten, rechnen damit, dass es zwei Jahre dauern wird, in unseren Zeiten über das Polmeer zu treiben. Es passt Liv und Ann eigentlich ganz gut, dass die Meeresströmungen fast 40 % (!!) schneller sind, als vor über 100 Jahren. Das heißt, dass TARA im Mai 2007 zwei bis drei Grad südlich vom Nordpol sein kann. (Ein Breitengrad ist 111,12 km) Liv und Ann werden dann zusammen mit der Besatzung der TARA, die dort überwintern werden, rausgeflogen. Das spannende mit TARA ist, dass sie mehrere Forscher an Bord haben. Sie wollen zeigen, wie unterschiedlich oder auch gleich, TARA im Verhältnis zu FRAM 1893-1896 treibt.
Ist es das warme Wasser und die globale Erwärmung, die stärkere Meeresströmungen verursachen oder werden die Forscher neue Theorien entdecken??
Die Distanz von Ward Hunt Island in Kanada bis zum Nordpol ist ca. 850 km und Liv und Ann gehen unsupported, das heißt, ohne neue Verpflegung vom Flugzeug oder Hilfe von Hunden. Die Tour zum Nordpol wird etwa 2 Monate dauern und es wird spannend festzustellen, ob TARA wie von den Forschern vorhergesagt treibt, oder nicht. Das Eis in der Arktis wurde von 2004 bis 2005 mit 14 % (!!) reduziert. Eis reflektiert Sonnenstrahlen und damit Wärme. Wenn die Eisdecke reduziert wird, nimmt das Wasser mehr Wärme von der Sonne auf. Damit wird das Schmelzen verstärkt.