Südpol 1994
Als Liv 9 Jahre alt war, las sie viel über die Südpolexpedition von Roald Amundsen. Der Traum vom Südpol war Realität. Heilig Abend 1994 realisierte sie das, was man normalerweise einen „Jungentraum“ nennt. Nach 50 Tagen, 1110 km mit 100 kg im Schlitten, erreichte Liv den Südpol. Im folgenden Abschnitt können Sie einen Auszug aus dem Buch „Gute Mädchen gehen nicht zum Südpol“ lesen.
SÜDPOL
Es ist Heiligabend. Die Amundsen-Scott Basis ist seit fünf Stunden sichtbar. Der Dom wird größer und es erscheinen immer mehr Gebäude. Ich gehe über das Rollfeld und fühle zum ersten Mal auf der ganzen Tour, dass die Skier gleiten und ich mache den ersten Doppelstockschub der Tour.
Es war ein schönes Leben als einsame Nomadin in der Antarktis. Die fünfzig Tage sind unglaublich schnell vergangen. Ich erinnere mich an die überwältigende Müdigkeit der ersten Tage.
Jetzt verspüre ich eine andere Leere, etwas ist verloren gegangen, ist verschwunden. Mental fühle ich einen enormen Überschuss. Ich fühle mich privilegiert, dass ich das erleben durfte und dass ein Traum in Erfüllung gegangen ist.
HAST DU SCHON MAL EINEN SCHLITTEN GEZOGEN?
Um überhaupt in die Nähe der südlichen Breitengrade zu kommen, musste ich mit der Ökonomie starten, die Hauptgrundlage des Projektes.
Ich ließ einen einfachen Flyer auf Norwegisch und Englisch drucken, der über die Routewahl und andere Auskünfte informierte.
Mit erhobenem Haupt und einem klopfenden Herzen ging ich zu meinem ersten Treffen mit einem potenziellen Sponsor. Ich entschied mich für einen, der, wie ich wusste, positiv eingestellt war, Lillsport, und war nach dem Treffen hoch motiviert weiter zu machen.
Die Jagd nach Sponsoren war viel schwerer, als ich mir das gedacht hatte und die Reaktionen waren, dass das hier ein „Jungensport“ sei. Hast du schon mal einen Schlitten gezogen, war die Frage, die mir immer wieder gestellt wurde.
Die Zeit, die kam, war schwer und das einfachste wäre gewesen aufzugeben, aber etwas in mir kämpfte dagegen. Ich konnte mich nicht von Geldproblemen stoppen lassen.
ENDLICH ALLEINE
Und dann ist er da, der Tag, den ich bewusst und unbewusst seit fast 30 Jahren erwartet habe. Bis hier her war es ein langer und verwickelter Weg, jetzt sind er nur wenige Wege zurück und nur ein Kurs in Richtung Ziel, 1200 Kilometer weiter da vorne.
Es ist schönes Wetter mit guter Sicht und das Terrain steigt in kleinen Plateaus. An einigen Stellen gehe ich an ein paar kleinen Gletscherspalten vorbei, weiter vorne sehe ich blaues Eis und einige große und offene Gletscherspalten, glücklicherweise östlich von meinem Kurs.
Nach 10 km und 420 Höhenmetern bin ich mit meinem Tageseinsatz zufrieden und schlage mein Lager auf. Ich finde keine flache Stelle und muss mich deshalb auf eine Nacht auf der Schräge einstellen. Es war ein schroffer Tag mit schweren Schritten und ich schlafe auf dem Weg in den Schlafsack ein. In der ersten Nacht schlafe ich 12 Stunden wie ein Stein.
MIR GEHT ES SO GUT
Die Schreckenserlebnisse, von denen ich in alter und neuerer Polar-Literatur gelesen habe, verursacht durch Hunger, Kälte und schlechter Ausrüstung, habe ich in der Antarktis nie erlebt.
Ich denke oft an Amundsen, Scott und Shackleton und mit den Leiden der alten Jungs im Hinterkopf ziehe ich weiter gen Süden. Unbewusst habe ich alle Leiden der alten Polfahrer gespeichert und diese Gedanken in vielen Jahren bearbeitet. Mental habe ich mich darauf vorbereitet, dass meine Tour nicht schlimm werden kann.
Ich frage mich selbst: Wo bleiben diese Leiden? Natürlich ist es kalt, aber ich bin darauf vorbereitet, dass es noch kälter werden wird.
TIEFE GLETSCHERSPALTEN UND HOHE SCHNEEWEHEN
Der schwierigste Teil der Tour liegt vor mir. Nachdem ich die Thiel Mountains passiert habe, bin ich jetzt 1300 Meter über dem Meer, aber in den nächsten paar Tagen werde ich noch weitere 1500 Meter hinauf gehen.
In der Höhe wird es kälter und der Schnee wird noch träger. Die Luft wird auch dünner, aber weil ich mich langsam aufwärts bewegt habe, bin ich auf jeden Fall gut akklimatisiert.
Einige Tage später komme ich zu einem Gebiet mit bis zu zwei Meter hohen Schneewehen. Es ist unmöglich mit Skiern drüber zu kommen und ich ahne anstrengende Tage voran mir. Nach einiger Zeit akzeptiere ich, dass das Terrain so ist. Wenn ich hier jede Schneewehe verfluche, wird es keine angenehme Tour werden und da ist es besser, das positive in diesen Formationen zu sehen. Die Schneewehen sind auf ihrer Weise auch schön. Sie haben die unglaublichsten Formen und viele schöne verschiedene Blaufarben...
SCHÖN IST ES AUF DER WELT ZU SEIN
In der Nacht zum 19. Dezember wache ich mitten in der Nacht auf, mit dem Gefühl im Magen, das etwas nicht stimmt. Etwas ist nicht wie es sein soll, es ist so ruhig, als ob ich Wachs in den Ohren hätte.
Ich ziehe den Reißverschluss des Zeltes langsam und etwas ängstlich auf und sehe hinaus. Es ist ganz ruhig. Eine völlige ohrenbetäubende Stille. Dies ist mein erster Tag in der Antarktis ohne Wind. Ich öffne die Zeltöffnung und sitze lange im Schlafsack, während ich hinaus schaue, auf eine weiße, stille Fläche und einen blauen Himmel.
Große Schneekristalle glänzen in der Sonne. Ich lege mich wieder in den Schlafsack und fühle mich glücklich, ausgeruht und zufrieden.
Die letzten Tage sind wie ein Märchen. Der Wind ist fast ganz weg. Die Stille ist überwältigend, fast erdrückend. Erst jetzt fühle ich mich ganz alleine…
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